Josquin Desprez: Motette “Ave Maria ... Virgo Serena” (um 1485)
Josquin Desprez, auch: Josquin des Préz, Jossequin Lebloitte, Jossequin Lebloitte dit Desprez oder Josquinus Pratensis
geboren um 1450 in der Umgebung von Saint Quentin,
gestorben 27. August 1521 in Condé-sur-l'Escaut, Frankreich
Komponiert:
um 1485 in Mailand, 1502 gedruckt
Zahlreiche Aufnahmen,
unter andern:
1984 The Hillard Ensemble
2021 VOCES8
Die Motette «Ave Maria … Virgo Serena» von Josquin Deprez ist eine der bekanntesten Motetten der zweiten Generation der Renaissance-Komponisten. Sie ist, was Polyphonie, komplexe Gesangslinien und tiefes Verständnis für den Text betrifft, anerkannter Weise ein Meisterwerk. Sie ist denn auch musikgeschichtlich und musikanalytisch rauf und runter untersucht worden, auch wenn man noch heute in der Forschung nicht sicher ist, ob sie wirklich um 1485 in Mailand entstanden ist oder eher später nach Josquins Rückkehr in den Norden Frankreichs. Auch über das Leben von Josquin ist nicht viel bekannt, ausser dass er schon damals unter Kennern ein berühmter Komponist war. Der venezianische Notendrucker und Verleger Ottaviano Petrucci (1466 – 1539) hat diese Mottete von Josquin Deprez jedenfalls an den Anfang seiner Motteten-Sammlung gestellt, offensichtlich von deren eigenen Magie wissend. Der Zugang der damaligen Zuhörenden zu diesen Motetten-Kompositionen ging sicherlich nicht über Notendruck, Analyse oder historische Nachforschung. Eher spielten die grossen Kirchenbauten der Gotik und Renaissance eine vermittelnde Rolle, denn nichts füllte diese Räume schöner als der Gesang dieser neuen kunstvollen, polyphonen Klangexperimente. Unmittelbar den Stimmverläufen nachhören und die Harmonien von Kadenz zu Kadenz erspüren machte wohl das Faszinierende dieser in der Renaissance aufkommenden Gesängen aus.
Dennoch ist es nicht zufällig, dass gerade die Marienfrömmigkeit Komponisten und Liturgen des späten Mittelalters bewog, diese Gesänge in ihre Gottesdienste einzubauen. Mit der Symbolfigur Maria und deren Abbildungen, Feste und Gesänge wurden den Menschen damals neue Zugänge zum Religiösen erschlossen. Gerade die Mottete «Ave Maria … Virgo Serena» ist ein Beispiel einer tiefsinnigen Katechese, die das religiöse Geheimnis des Menschseins für die spätmittelalterliche Frömmigkeit öffnen wollte.
Um die geistliche Dimension dieser Komposition in Text und Gesang geistig und emotional nachvollziehen zu können, gilt es heute einen neuen Zugang zu finden. Marienfrömmigkeit ist wohl nur noch bei einer kleinen Gruppe von eher traditionellen Menschen unverstellt vorhanden. Deshalb muss die Symbolik des Hymnus «Ave Maria … Virgo Serena», dieses ursprünglich in der Tradition des Gregorianischen Gesanges wurzelnden Gebet-Gedichts, neu ausgelegt werden. Die hier im Gebet begrüsste «Maria» steht als Schlüsselfigur für die Vermittlung wesentlicher religiöser menschlicher Grunderfahrungen. Sie verweist symbolisch auf ganzheitliche, Emotionen auslösende Vollzüge, wie das Geistige, das Leben im Leben, positiv erfahren und gefeiert werden kann. So beziehen sich die mittleren fünf Strophen dieses Hymnus auf Ursprung («concerptio»), Geburt («nativitas»), Autonomie («sine viro fecunditas»), Würde («virginitas»), und Letztbestimmung des Menschseins («assumptio»). All diese Grundvollzüge des Menschseins werden in den Horizont eines unbedingten Betroffenseins durch eine verborgene letzte Wirklichkeit («Dominus tecum») gestellt, worauf Eingang und Schluss dieses Gebet-Gedichts ausdrücklich hinweisen. Von diesem symbolisch tiefen Grundgehalt her lässt sich auch die Komposition dieser Mottete neu hören.
Die Motette «Ave Maria … Virgo Serena» ist vierstimmig, damals für 4 Männerstimmen komponiert, für einen Superius (Cantus), einen Altus, einen Tenor und einen Bass.
Hier zu hören! (ca. 6 Min.)
Hörbegleiter:
Exordium (Einleitung)
Nach kurzem Auftakt übernimmt die führende erste Stimme (Superius) die Melodie des alten gregorianischen Gesangs:
Die übrigen drei Stimmen folgen im Kanon, abwärts einsetzend vom Altus bis zum Bass. Auch die Weiterführung der Melodie bei «gratia plena» neigt sich abwärts und wird kanonisch wiederholt. Man könnte von einer akustischen Versinnbildlichung des Herunterschweben des Erzengels Gabriel zur Verkündigung an Maria sprechen.
Diesem Kanon zu 4 Stimmen folgt als freie musikalische Imitation des Bisherigen das «Dominus tecum» in ähnlicher kanonischer Weise und beschliesst darauf kadenzierend diese Gebets-Einleitung auf «virgo serena».
Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum, virgo serena.
Ave Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mit dir,
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