Toru Takemitsu: Requiem for String Orchestra (1957)


Toru Takemitsu

geboren 8. Oktober 1930 in Tokio, Japan
gestorben 20. Februar 1996 in Tokio, Japan

Uraufführung:
20. Juni 1957 durch das Tokyo Symphonie Orchestra, Leitung: Hitoshi Ueda

CD-Aufnahmen (u.a.):
1991 Saito Kinen Orchestra, Leitung Seiji Ozawa
1991 Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra, Leitung: Hiroshi Wakasugi
2020 NHK Symphony Orchestra, Leitung: Paavo Järvi




Die Erfahrung des Todes eines wichtigen Mitmenschen oder das Bewusstsein der Unausweichlichkeit des eigenen Todes stehen existentiell am Anfang religiösen Fragens.

Der japanische Komponist Toru Takemitsu erlebte in jungen Jahren gleich beides. Einer seiner wichtigen Kollegen und Lehrer Fumio Hayasaka, bekannt geworden durch seine Musik zu Akira Kurosawas klassische Filme «Rashomon» und «Die sieben Samurai», starb 1955 im Alter von 41 Jahren. Takemitsu selbst lag in dieser Zeit wegen Tuberkulose im Krankenhaus. Später äusserte er sich dazu:

„Damals war ich besonders schwer krank, und da mir schließlich klar wurde, dass ich nicht wusste, wann ich selbst sterben würde, dachte ich am Ende, dass ich auf die eine oder andere Weise vor meinem Tod noch ein Stück schaffen möchte … Ich dachte, ich sollte mein eigenes Requiem schreiben.“

Auch seine eigenen bitteren Erinnerungen an die Kriegszeit sah er später in seinem Requiem eingefangen:

„Ich nannte es ‚Requiem‘ … wir sind unserer Leute im Krieg beraubt worden – nicht nur der Japaner, unserer Welt. Ich denke, Musik muss eine Form des Gebets sein.“

 Zum philosophisch-geistlichen Gehalt von «Requiem» bemerkte Yoshi Takemitsu in einer  Einführung zum Werk:

«Das Konzept des „Metrums” in diesem Werk unterscheidet sich völlig von dem, das in der westlichen Musik allgemein verwendet wird. Das Werk basiert auf einem Rhythmus, den man als „eins zu eins” bezeichnen könnte. Es gibt keinen klaren Anfang und kein klares Ende. Ich habe lediglich zufällig einen Teil des Kontinuums von Klängen extrahiert, das wie eine Unterströmung unter der Menschheit und ihrem Universum fließt. So würde ich den wesentlichen Charakter des Werks beschreiben. „Meditation” wäre ein ebenso passender Titel für das „Requiem” gewesen. Meditation impliziert eine ausschließliche Konzentration auf Gott, und in ähnlicher Weise wurde diese Titelwahl durch den Wunsch motiviert, den Geist auf ein einziges Objekt zu konzentrieren.»

Toru Takemitsu's Requiem ist eines der in Japan am meisten aufgeführten Musikstücke des 20.Jhd. Als Igor Strawinsky 1958/59 Japan bereiste, hörte er zufällig eine Radioaufnahme von «Requiem» und nannte es ein Meisterwerk, was dem jungen Komponisten Takemitsu anschliessend zu weltweitem Durchbruch verhalf. Die Partitur für das Requiem sieht ein geteiltes Streichorchester vor, d. h. zwei Gruppen von ersten Violinen, zwei von zweiten Violinen, zwei von Bratschen, zwei von Celli sowie Kontrabässe.

 

Hier zu hören! (ca. 9 Min.)

Hörbegleiter

Aus einem stillen Kontinuum tauchen leise «Atemzüge» des gedämpft spielenden Streicherensembles auf – ein Puls nach dem andern anwachsend und verklingend. Für das ganze Musikstücks ist dieses ruhige An- und Abschwellen des Klanges sozusagen ein Tiefen-Kontinuum des Daseins. Aus diesem Kontinuum heraus löst sich in der höher als die Violinen spielenden Bratsche ein leicht gewundenes Motiv und weitet sich im ganzen Orchester in eine aufsteigende Triole aus. Nach dem Ersterben des Klanges (morendo) setzen die ersten Geigen und Bratschen erneut in hoher Lage mit einem neuen Motiv ein und führen über in eine ausweitende melodiöse Überleitung, immer wieder von ruhigen «Atemzügen» begleitet.   

Neu bewegt setzen die Geigen im Unisono ihr eigenes Triolenmotiv fort, einsam nachklingend in den zweiten Geigen. Danach wechselt der Rhythmus in ein unregelmässiges, leidenschaftlich atmendes Lento des homophon spielenden Streicherensembles.

Eine neue längere Phrase hebt an, - sehr ruhig, auf- und abschwellend, seufzend und polyphon durchs ganze Orchester ziehend – und schliesst mit einem schönen ruhigen Bratschensolo ab.

Erneut pulsiert darauf das homophon hervortretende Lento in stockendem Tempo weiter. Darüber spielen die hohen Geigen unisono das Anfangsmotiv der Bratsche und entwickeln es in eine leidenschaftliche Melodie. Die Harmonie wirkt wie vertraute Mollakkorde, die von Dissonanzen durchzogen sind. Nach einer erneuten Steigerung fallen die hellen Geigen zurück in ruhiges Verklingen. Leben und Absterben in einer gewundenen Lebensmelodie.

Ein schneller anpackender Abschnitt markiert etwas Neues, eine Störung. Ein aufsteigendes, sull ponitcello zu spielendes Motiv steigt mehrmals auf und kulminiert synkopisch in leidenschaftlichen Pizzicato-Akkorden. Bis dann in Celli und Bässen sich ein vertrautes Triolenmotiv dazwischenschaltet. Noch mehrmals folgen diese Interruptionen, abgelöst von melodischen Erinnerungen, die frühere Themen explizit wiederholen oder darauf anspielen. Langsam erschöpfen sich die zahlreichen Interruptionen, die melodischen Motive beruhigen das Fliessen der Musik.

Ein Bratschensolo leitet über zum dritten Abschnitt und zur Wiederholung des Anfangs dieses Klangkontinuums. Streicherklänge crescendieren und de-crescendieren, die hohe Bratschenmelodie mischt sich mit dem Cello-Solo zum Wiedererklingen der gewundenen Melodie in hoher Stimmung. In den hohen Geigen erklingt melodiös mehrmals das Triolenmotiv über dem Atmen der übrigen Instrumente. Ein abschliessendes Violinsolo nimmt bekannte Motive des Anfangsteils über instabilen Harmonien wieder auf. Rubato treten schliesslich Klang und Motive dieser Musik wieder zurück und lassen den Lebensstrom in die Ferne still weiterfliessen.

 

Hinweis für Musikinteressierte

Website: Unbekannte Violinkonzerte

 

 

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