Claudio Monteverdi: Madrigal “O ciechi, ciechi” aus: Selva Morale e Spirituale (um 1641)

Claudio Monteverdi 
getauft 15. Mai 1567 in Cremona
gestorben 29. Nov. in Venedig

Herausgegeben:
Venedig 1641

Empfehlenswerte Aufnahmen:
2000 Cantus Cöln, Leitung Konrad Junghänel, CD harmonia mundi
2023 Musica getutscht,  Leitung: Bernhard Reichel Liveaufnahme auf Youtube







 

 

 

 

Kann Musik politisch sein? «O ciechi ciechi», dieses Madrigal von Claudio Monteverdi gibt die Antwort. Man wünschte sich, dass dieses kurze Stück Musik allen autoritären Politikern vorgespielt werden müsste.

Am Ende seines Lebens stellte Monteverdi eine Sammlung aller seiner Kompositionen zusammen, die er bisher noch nicht veröffentlich hatte und die im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Kapellmeisters des Markusdoms in Venedig entstanden. An den Anfang dieser Sammlung, die 1641 erschien und die er «Selva morale e spirituale» (= moralischer und spiritueller Wald) nannte, stellte er sozusagen als ersten Baum das Madrigal «O ciechi, chiechi», eine Vertonung eines Gedichtes des italienischen Dichters Francesco Petrarca (1304 – 1374). Vor aller Spiritualität stehen die Moral und die Wahrhaftigkeit. Was nützt alle Macht und Machterweiterung, was nützen alle Vermehrung von Reichtum und Ehre angesichts der Endlichkeit jeden einzelnen Lebens? Diese Frage Petrarcas wird den sich blind stellenden Autoritäten in diesem Madrigal gestellt, und zwar so, dass der Text gut verständlich ist. Gegenüber der strengen Polyphonie der Motetten der Renaissance (prima pratica) stellte Monteverdi eine seconda pratica. In diesem neuen Kompositionsstil, der seconda pratica, sind nicht die Kontrapunktregeln das entscheidende Kriterium guten Komponierens. Vielmehr komme es auf den wahrhaften musikalischen Ausdruck des Textgehaltes an. Es komme darauf an, "die Rede zur Herrin des Tonsatzes, nicht zur Dienerin zu machen.", wie es Monteverdis Bruder Giulio damals formuliert hatte.

«O ciechi ciechi» ist ein Madrigal für 5 Stimmen, zwei Violinen und Basso continuo.

Hier zu hören! (3 ½
 Min.)

 

Hörbegleiter:

Am Anfang steht die entlarvende Anrede im erregten Stil («genere concitato»). «O ciechi ciechi» dominiert affektiv über den übrigen Aussagen. Wo es um die Vergänglichkeit des eigenen Namens geht, wird der Text durch lange Noten hervorgehoben.

Nach nochmaligem ausdrucksstarkem «O Ciechi ciechi» singt der Tenor allein seine Verse über die Eitelkeit allen Mühens. «Vanità  palesi» (= offensichtliche Eitelkeit) wird speziell hervorgehoben.

Im Tutti wird die Sinnlosigkeit von Eroberungen und Unterdrückung von Völkern besungen. Eine Solokaskade des Soprans 2 veranschaulicht, wie dies alles letztlich ins Leere führt und andere gegen einen selbst aufstachelt.

Wieder im Tutti wird die Wertlosigkeit von Kriegen für Land und Reichtum dem einfachen Leben gegenübergestellt. Wunderbar setzt der Sopran mit der Phrase «vie più dolce» ein, und die übrigen folgen mit ihrem «Dolce» des einfachen Lebens.

Und noch dreimal fordert Monteverdi mit seiner entlarvenden Anrede die Superreichen, die Autokraten und Volksverführer heraus: Ihr Blinden, ihr seht es nicht: Alles flüchtig und eitel!


Und angesichts all des Flüchtigen singen alle Stimmen zum Schluss verständlich und in schlichten Akkorden die Einsicht, die es zu machen gilt.

O ciechi, ciechi! Il tanto affaticar, che giova?
Tutti tornate alla gran madre antica,
e ’l nome vostro appena si ritrova.




(O ciechi, ciechi!)
Pur delle mille un’utile fatica
che non sian tutte vanità palesi!
Ch’ intende i vostri studie, sì mel dica?



Che vale a soggiogar tanti paesi,
e tributarie far le genti strane
con gli animi al suo danno sempre accesi?




Che vale dopo l’imprese perigliose e vane,
e col sangue acquistar terra e tesoro.
vie più dolce si trova l’acqua, e ‘l pane,
e ‘l vetro, e ‘l legno, che le gemme, e gli ori.

(O ciechi, ciechi!)
U’ son hor le ricchezze? U son gli honori,
(O ciechi, ciechi!)
e le gemme, e gli scettri, e le corone,
(O ciechi, ciechi!)
e mitre con purpurei colori?

Miser chi speme in cosa mortal pone!



Text von Francesco Petrarca (1304-1374) aus: Trionfo della morte, Capitolo 1, 90ff

O Blinde, Blinde! Was nützt all diese Mühe?
Ihr kehrt alle zur großen alten Mutter zurück,
und euer Name ist kaum wiederzufinden.



(O Blinde, Blinde!)
Doch unter den Tausenden gibt es eine nützliche Mühe, die nicht ganz eitel ist!
Was bedeutet euer Streben, sagt es mir!


Was nützt es, so viele Länder zu unterwerfen
und fremde Völker zu Tributpflichtigen zu machen,
deren Seelen immer auf euren Schaden aus sind?


Was nützt es nach den gefährlichen und vergeblichen Unternehmungen,
mit Blut Land und Reichtümer zu erwerben?
Süsser sind Wasser und Brot, 
Glas und Holz als Edelsteine und Gold.

(O Blinde, Blinde!)
Wo sind nun die Reichtümer? Wo sind die Ehren,
(O Blinde, Blinde!)
die Edelsteine, die Zepter und Kronen,
(O Blinde, Blinde!)
die Mitren in purpurfarbenen Farben?
Wehe dem, der seine Hoffnung auf sterbliche Dinge setzt!



Francesco Petrarca (1304-1374) aus: Trionfo della morte (Triumph des Todes), 1, 90ff

 

Hinweis für Musikinteressierte

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