Iris ter Schiphorst (*1956): AUS LIEBE II (2015) für Violine solo und Streichorchester, frei nach der Arie Nr. 49 aus der Matthäus-Passion von J.S.Bach (2015)

Iris_ter_Schiphorst_by_Christian_Lehmann

Iris ter Schiphorst
geboren 22. Mai 1956 in Hamburg, Deutschland

 

Uraufführung:
3. Juni 2016 in Cottbus durch Tobias Feldmann, Violine, und dem Philharmonischen Orchester Cottbus unter der Leitung von Evan Christ

Aufnahme:
2016 durch Tobias Feldmann

 

 

Um dieses zeitgenössische Werk der deutschen Komponistin Iris ter Schiphorst gewinnbringend anzuhören, empfehlen sich unbedingt folgende vorbereitende Schritte:

1. Lektüre des Werkberichts «Über Koinzidenzen, Zufälle und Widerfahrnisse…»von Iris von Schiphorst zur Erstfassung dieses Werkes für Streichquartett,

Hier zu lesen!

2. Anhören von Rezitativ und Arie Nr. 48-49 aus der Matthäus-Passion von J.S.Bach:

Rezitatitiv Nr. 48

Aria Nr. 49

3. Lesen eines ersten Berichtes zur Hörerfahrung anlässlich der Uraufführung der Fassung Aus Liebe II… für Solovioline und Streichorchesteer von Arno Lücker:

Hier zu lesen!

Danach lohnt es sich zu erforschen, was beim eigenen Anhören von AUS LIEBE II… von dieser verklanglichten Ansammlung von «Koinzidenzen, Zufällen und Widerfahrnissen» überspringt zu uns Zuhörenden selbst. Jede und jeder Einzelne kann sich auf diese Musik einlassen und sie dank der Möglichkeit der digitalen Aufzeichnung mehrmals auf sich wirken lassen. Eine eigene Auseinandersetzung kann Impulse einer Verbundenheit von kreativ-aktivem Kunstschaffen und kreativ-rezeptivem Kunsterleben vermitteln, wenn auch die Hör-Eindrücke und die daraus folgenden Einsichten ganz individuell verschieden sein werden. AUS LIEBE…II sammelte Wahrnehmungen der Künstlerin, die wie durch ein Fenster Licht in sie eindringen  und dank ihr dieses Werk hervorbringen liess (vgl. ihre Werkbeschreibung). Was dieses Werk nun an erhellendem Licht und geistigem Gehalt zurücksendet, ist von den Zuhörenden selbst zu entdecken und individuell wahrzunehmen. Und dies nicht nur in den Passionszeiten unserer Welt, aber vor allem dann.

 

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:


«Wie ein Flöten aus weiter Ferne» soll es gleich zu Beginn klingen, wenn zuerst die Sologeige und kurz danach acht verschiedene erste Geigen und acht zweite Geigen nacheinander feinste Töne in höchsten Sphären gestalten. Nur leise hörbar ist in der Sologeige eine Melodie über allen anderen flötenähnlichen Klängen.
Danach ein kurzes gemeinsames Einhalten. Die Solovioline rezitiert eine Melodie. Doch das feine Tongewebe der hohen Geigen klingt weiter, oft nur kurz durch feinste Erschütterungen durchwirkt. Langsam mischen sich auch tiefere Streicherklänge dazu. Die Sologeige geht zwar voran, hebt sich aber kaum vom gemeinsamen Gesamtklang ab.  In einem feinen hohen ruhenden Ausklang scheinen alle Geigen sich zu finden.

Doch unmittelbar in diesen Ausklang hinein kracht ein lautes kratzendes Geräusch der tiefen Streicher. Erschrecken und kurze Stille.

Aus der Tiefe der Bässe baut sich pianissimo ein leiser harmonischer Streicherklang auf. Die Sologeige beginnt darüber auf der G-Saite eine an die Aria von Bach erinnernde expressiv- schmerzliche Melodie, die Iris ter Schiphorst in der Partitur mit «Das Weinen der M.M. I» überschreibt. Die Sologeige wird zur tief berührenden Klage der Maria von Magdala und zum Symbol eines tiefen Mitfühlens mit fremdem Leiden. Das begleitende Streicherensemble ist wie erstarrt in einem fixen Klang. Erst langsam befreit sich der Klang aus der Erstarrung und erhebt sich zu einem Forte-Aufschrei. Stille.

Nochmals baut sich ein Akkord auf. Erneut beginnt die Geige ihre Melodie auf der G-Saite, erregter und jetzt als «Das Weinen der M.M. II» überschrieben. Die schmerzliche Melodie aus sich folgenden Halbtönen wird von den Streichern aufgewühlt unterbrochen. Die Klänge werden zu Glissandi und zu ersten Schreien. Hinter dieser zunehmenden Dramatik beginnt die Sologeige ein drittes «Weinen der M.M. III», von dunklen gerissenen Pizzicati in den Celli gestört. Tiefe Erschütterungen führen zu einem vierten «Weinen der M.M. IV». Dann folgt nach einer letzten tiefen Erschütterung im Orchester ein plötzliches Verharren auf feinen Klängen, die aber immer unheimlicher anwachsen und schliesslich mit anschwellendem Geräusch abstürzen und verlöschen.

Wie zu Beginn folgt erneut das leise hohe Solo der Violine, jetzt überschrieben «wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit», flötengleich, wo möglich mit Flageolett und mit Glissandi in höchsten Klangbereichen. Nur die Pizzicati im ganzen Orchester mischen sich störend dazu - mit heftigem vibrato gespielt. Danach erstarrt der Geigenklang.  Nochmals folgt in der Sologeige ein fünftes, schwerer hörbares «Weinen der M.M. V), es bilden sich klagende, verstörende Klänge, Interferenzen bilden sich. Dann ein sechstes, fast verzweifeltes «Weinen der M.M. VI», bevor die Verstörungen in dunklen Klängen der beiden Kontrabässe ausklingen.

Wieder beginnt die Sologeige mit ihrer hohen leisen Vision «Wie aus einer anderen Welt, wie aus einer anderen Zeit, flötend» und stürzte sich in ein erregtes Solo. Virtuose Bewegungen in höchsten Bereichen werden von abstürzenden Streicherläufen und heftigen Pizzicati abgefangen. Als stürzte sich die Geige auf der Flucht in eine Art virtuose Kadenz. Doch sie entkommt nicht, findet aber zu einem neuen Rhythmus und einem Ausweg.

Unvermittelt sendet die Geige schnelle Tonwiederholungen, die später vom Orchester übernommen werden. Es sind gleichzeitig geheime Botschaften, wie Morsezeichen. Den Noten unterlegt die Komponistin die entsprechenden Buchstaben des Morsealphabets: A U S  LIEBE… Das Orchester übernimmt diese rhythmisierten Botschaften, während die Geige sich wieder flötenklanggleich «wie in eine andere Welt und eine andere Zeit» erhebt. Aus allen Elementen des Stücks entsteht ein utopisches Klangfeld, das sich ausdehnt in der Zeit und erst am Schluss abgerissen wird, in einem heftigen Kratzgeräusch zurückgeworfen in diese Welt.  

Hinweis für Musikinteressierte

Website: Unbekannte Violinkonzerte

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