Tomás Luis de Victoria: Motette «O magnum mysterium» (1572)

Tomás Luis de Victoria
geboren um 1548 in oder bei Ávila, Königreich Kastilien
gestorben 27. August 1611 in Madrid

Erste Publikation:
Zusammen mit andern Motetten 1572 in Venedig  von Antonio Gàrdano's Söhnen in dem Buch Motecta für vier, fünf, sechs und acht Stimmen herausgegeben

Aufnahmen:
1992/93 Oxford Camerata, Leitung: Jeremy Summerly
2000 The Cambridge Singers, Leitung: John Rutter
2022 Fieri Consort (auf Youtube)
2023 Ars Nova Copenhagen, Leitung: Eamonn Dougan (auf Youtube)
und viele andere.

Schon Kinder lieben Geheimnisse. Ohne es immer zu merken, sind wir von Tausenden von Geheimnissen umgeben, in Kosmos, Natur und Technik.
O magnum mysterium, o grosses Geheimnis schliesst hier an, wenn in  der frühmorgendlichen Matutin des Weihnachtstages die Choralschola diesen Wechselgesang (Responsorium) anstimmt. Etwas seltsam ist es allerdings, dass der Text die Tiere im Stall privilegiert erwähnt, die den Erlöser als Erste erblicken.
Ochs und Esel kommen in den Evangelien nicht vor, nur Lukas erwähnt einen Futtertrog. Erst das nach 600 n. Chr. entstandene apokryphe, dh. nicht ins neue Testament aufgenommene Pseudo-Matthäus-Evangelium erzählt von diesen Tieren, die dann im Mittelalter und besonders bei den Krippenbauern populär wurden. In dieser Zeit mag auch dieses Responsorium entstanden sein, das in der Renaissance von mehreren Komponisten als Motette vertont wurde, so auch in einer besonders eindrücklichen Weise von Tomás Luis de Victoria um ???????.

Einmalig ist der mystische Beginn von Tomás de Victoria’s  Vertonung. Dieser Anfang  übertrifft geistig bei weitem diese volkstümliche Weihnachtspoesie von Ochs und Esel. Mit dem Bezug zu jener jungen einfachen Frau Maria wird die Geburt jenes Erstaunen erregenden und für die Herrschenden gefährlich gewordenen Jesus aus Nazareth als Geheimnis der Inkarnation gedeutet. Mit der Inkarnations-Symbolik haben bereits die  frühchristlichen Theologen die Bedeutung der Geschehnisse um Jesus gedeutet. Victoria lebte in einer Zeit, als die römische Kirche sich gegenüber der Reformation in Deutschland neu an ihrer Tradition orientieren musste. Inkarnation bezieht sich auf den philosophisch-theologischen Hymnus am Beginn des Johannes-Evangeliums, wo es zentral heisst: «Und das Wort ist Fleisch geworden» Was damals mit und von Jesus in Gang gesetzt wurde, hatte für die ersten Nachfolgenden eine universale Dimension für alle Zeiten und musste etwas sein, was in und vom biblischen Schöpfer-Gott und dessen schaffendem Wort ausging.

Tomás Luis de Victoria wurde 1563 (oder 1565) nach seinem Stimmbruch von Spanien zum Studium nach Rom geschickt, wo er im Collegio Germanico, einer von Ignazio von Loyola gegründeten Ausbildungsstätte für den aus lutherischen Landen stammende Klerusnachwuchs, wohnte. Bald tat er sich dort als Musiker hervor und bewährte sich, lernte den in Rom einflussreichen Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina kennen und übernahm bald seine Stelle am berühmten Collegium Romanum und wurde selbst Priester. Erst später kehrte er wieder nach Spanien zurück, sodass Victoria zu einem der bekanntesten spanischen Komponisten der Vorbarockzeit wurde und sein «O magnum mysterium» noch heute zu einer seiner bekanntesten Kompositionen gehört.

Hier zu hören:

Cambridge Singers, Leitung John Rutter (ca. 4 Min.) 

Fieri Consort (ca. 4 Min.)

 

Hörbegleiter:

Der Sopran beginnt allein mit einer leeren Quinte abwärts und wieder aufwärts. Es folgt beim Wort mysterium im zweiten Teil der Melodie eine immer wieder auftauchende Halbtonfolge, ebenfalls aufwärts und abwärts. Kanonisch hat sich bereits der Alt mit der gleichen Melodie angeschlossen. Man hat die Quinte noch im Ohr, wenn es in Halbtonschritten weitergeht. Modal mehrdeutig harmonisiert und ohne jegliche Terz in der Melodie hat dieser Anfang etwas Faszinierendes, auch in der folgenden lang an-dauernden Zweistimmigkeit. Jede gute Melodie verbindet zeitlich zugleich Vergangenheit in der unmittelbaren Erinnerung, Gegenwart im anwesen-den Klang und Zukunft in der vorausgeahnten Möglichkeit.
In gleich imitierender Weise setzen schliesslich Tenor und Bass mit ein. Es bildet sich ein vierstimmiger Satz. Man glaubt harmonisch kurz Dur-Klänge zu hören, doch oszilliert die Harmonie in eher dunkle Klänge. Der Abstand von bis zu zwei Oktaven zwischen Sopran und Bass erzeugt ein Gefühl einer geheimnisvollen Weite. Geistige Weite ermöglicht, nicht zu eng darüber zu denken, was mit religiösen Symbolen wie hier «Inkarnation» oder «Jungfrauengeburt» (Neuanfang) anklingt.

Mit «ut animalia» beginnt zuerst in den Männerstimmen, dann in den Frauenstimmen eine neues einfach aufsteigendes Tonfolge-Motiv. Selbst Tiere schauen auf, was da gerade geschehen ist und ehren den «Dominum natum».

In der Stimmenpolyphonie hebt sich auch der deutliche Quart-Auftakt zum «iacentem in presepio» -Thema ab. Dieser Auftakt klingt aus in der wiegenden Vertonung des Wortes presepio (Krippe).

Eine ehrfurchtsvolle Pause wendet die Aufmerksamkeit auf die selige Jungfrau und auf einen geheimnisvollen Neuanfang, der alle Geburten an Staunen übertrifft. Homophon und in langen Notenwerten beginnen alle Stimmen gemeinsam, Motive aufgreifend, die versteckt schon in der Anfangsmelodie «O magnum mysterium» angeklungen sind. Beim musikalischen Höhepunkt «Dominum» kann man im Sopran die symbolische Vertonung das Herabkommens Gottes in die Welt in der Geburt Jesu Christi mithören.

Nach dem erstmaligen Erklingen des Namens Jesus Christus, dessen Geburt und Erscheinen ja gefeiert wird, folgt in einem ganz neuen Takt (Dreiviertel statt bisher Vierviertel) das Alleluja. Nur eine Umkehr und neue Gangart kann die Welt verändern. Doch selbst diese mystisch schöne Motette fällt am Schluss wieder in die alte Vier-Viertel-Festlichkeit zurück, auch wenn musikalisch versteckt nochmals die Quinte des Anfangs und die Halbtonfolgen als Erinnerung hörbar sind.

O magnum mysterium
et admirabile sacramentum






















ut animalia viderent Dominum natum
iacentem in praesepio.







Beata Virgo,
cujus viscera meruerunt
portare Dominum Christum.






Alleluia.










O großes Geheimnis
und wunderbares Sakrament,






















dass Tiere den geborenen Herrn sahen,
in der Krippe liegend.







Selig die Jungfrau,
deren Leib würdig war,
zu tragen
Christus den Herrn .







Halleluja.










Sehr hilfreich bei der Erstellung dieses Hinweises auf Victorias O magnum misterium war mir die Homepage von Paul Sanchez. Herzlichen Dank. Wer sich noch gründlicher mit dieser Motette und speziell der entsprechenden Parodie-Messe von Victoria auseinandersetzen will, sei auf diese Homepage verwiesen:
Vgl. Homepage von Paul Sanchez!

Hinweis für Musikinteressierte

Website: Unbekannte Violinkonzerte

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tonibernet@gmx.ch