Der Sopran beginnt allein mit einer leeren Quinte abwärts und wieder aufwärts. Es folgt beim Wort mysterium im zweiten Teil der Melodie eine immer wieder auftauchende Halbtonfolge, ebenfalls aufwärts und abwärts. Kanonisch hat sich bereits der Alt mit der gleichen Melodie angeschlossen. Man hat die Quinte noch im Ohr, wenn es in Halbtonschritten weitergeht. Modal mehrdeutig harmonisiert und ohne jegliche Terz in der Melodie hat dieser Anfang etwas Faszinierendes, auch in der folgenden lang an-dauernden Zweistimmigkeit. Jede gute Melodie verbindet zeitlich zugleich Vergangenheit in der unmittelbaren Erinnerung, Gegenwart im anwesen-den Klang und Zukunft in der vorausgeahnten Möglichkeit.
In gleich imitierender Weise setzen schliesslich Tenor und Bass mit ein. Es bildet sich ein vierstimmiger Satz. Man glaubt harmonisch kurz Dur-Klänge zu hören, doch oszilliert die Harmonie in eher dunkle Klänge. Der Abstand von bis zu zwei Oktaven zwischen Sopran und Bass erzeugt ein Gefühl einer geheimnisvollen Weite. Geistige Weite ermöglicht, nicht zu eng darüber zu denken, was mit religiösen Symbolen wie hier «Inkarnation» oder «Jungfrauengeburt» (Neuanfang) anklingt.
Mit «ut animalia» beginnt zuerst in den Männerstimmen, dann in den Frauenstimmen eine neues einfach aufsteigendes Tonfolge-Motiv. Selbst Tiere schauen auf, was da gerade geschehen ist und ehren den «Dominum natum».
In der Stimmenpolyphonie hebt sich auch der deutliche Quart-Auftakt zum «iacentem in presepio» -Thema ab. Dieser Auftakt klingt aus in der wiegenden Vertonung des Wortes presepio (Krippe).
Eine ehrfurchtsvolle Pause wendet die Aufmerksamkeit auf die selige Jungfrau und auf einen geheimnisvollen Neuanfang, der alle Geburten an Staunen übertrifft. Homophon und in langen Notenwerten beginnen alle Stimmen gemeinsam, Motive aufgreifend, die versteckt schon in der Anfangsmelodie «O magnum mysterium» angeklungen sind. Beim musikalischen Höhepunkt «Dominum» kann man im Sopran die symbolische Vertonung das Herabkommens Gottes in die Welt in der Geburt Jesu Christi mithören.
Nach dem erstmaligen Erklingen des Namens Jesus Christus, dessen Geburt und Erscheinen ja gefeiert wird, folgt in einem ganz neuen Takt (Dreiviertel statt bisher Vierviertel) das Alleluja. Nur eine Umkehr und neue Gangart kann die Welt verändern. Doch selbst diese mystisch schöne Motette fällt am Schluss wieder in die alte Vier-Viertel-Festlichkeit zurück, auch wenn musikalisch versteckt nochmals die Quinte des Anfangs und die Halbtonfolgen als Erinnerung hörbar sind.