Ina Boyle: Psalm for cello and orchestra (1927 rev. 1928)

Ina Boyle
geboren 8. März 1889 in Bushey Park in der Nähe von Enniskerry, Grafschaft Wicklow, Irland
gestorben 10. März 1967 in Greystones, Grafschaft Wicklow, Irland

Entstehung:
1927 und 1928 ohne Uraufführung

Erstaufführung: 
Oktober 2017 in London, mit Nadège Rochat, dem BBC Concert Orchestra unter Leitung von Ronald Corp

Aufnahmen:
2018 mit Nadège Rochat (CD)
2020 mit Martin Johnson (Youtube)

 

Beten ohne Worte, auch das vermag Musik, wenn sie entsprechend gehört wird. Wenn Freiheit möglich sein soll, dann muss nach Kant das Wissen (auch das Reden über Gott) begrenzt sein und kann keine letzte Autorität für unser Handeln beanspruchen. Wenn wir aber erfahren, dass die Welt nicht so ist, wie sie im Sinne von Freiheit und Verantwortung sein sollte, dann braucht es das Vertrauen schaffende Schöne in Natur und Kultur, damit wir an der Hoffnung gegen die Verzweiflung festhalten. Hoffnung ist dann das Motiv, dass wir daran glauben, dass das Gute gelingen wird. Schönheit erleben, ist eine Form von Beten ohne Worte.

Ob solche Gedanken nachvollziehbar sind, kann an einer Komposition von Ina Boyle namens Psalm subjektiv überprüft werden. Dieses Werk von Ina Boyle, die selbst Cello spielte, drückt auf jeden Fall – würde man heute sagen - eine persönliche religiöse Sehnsucht nach Spiritualität aus. Es ist nicht  nachweisbar, was sich Ina Boyle gedacht hat, als sie dieses Cello-Solostück mit «Psalm» überschrieb. Es gibt keine Erklärung von ihr, ob sie an einen bestimmten Psalm aus der Bibel dachte, ob sie mit dem griechischen Wort psalmos generell einen vertontes Gedicht oder sogar einen Gesang mit Saitenbegleitung (hebräisch mizmor) meinte (Bei Boyle sind es Cello und Harfe!).

Ina Boyle selbst beschreibt, wie sie ihre Komposition «Psalm» 1928 im Unterricht ihrem berühmten Kompositionslehrer Ralph Vaughan Williams vorstellte. Wie ihre Nervosität vermuten lässt, ging es ihr in ihrer Komposition um etwas höchst Persönliches, für sie sehr Wichtiges:

Ich nahm das Cello zur Hand, und Dr. V.W. war überaus freundlich und sagte: „Ich kann so etwas nicht spielen, aber du weißt ja, ich werde mein Bestes geben“, und holte mir einen Notenständer, von dem er sagte, er sei sehr alt und würde schon beim bloßen Ansehen zusammenbrechen. Aber ich war so furchtbar nervös, dass ich kaum einen Ton spielen konnte; alles war verstimmt und aus dem Takt, es war ein richtiger Albtraum. Ich glaube, Dr. V.W. war entsetzt, aber er war unbeschreiblich sanft und geduldig und tat alles, um es mir leicht zu machen. Er sagte kein Wort darüber, dass es verstimmt war, obwohl es für ihn quälend gewesen sein muss; er sagte nur: „Du spielst nicht immer das, was du geschrieben hast“ und „Ich glaube, weil du immer allein bist, hast du dir angewöhnt, lange Noten zu verkürzen“, „Du solltest manchmal mit einem Metronom spielen und das, was du schreibst, daran abgleichen, um zu sehen, ob du das geschrieben hast, was du wirklich willst“.

Dann ging er es noch einmal Stück für Stück durch und änderte alles, was notwendig erschien. Am Ende sagte er: „Es passt besser zusammen, als ich dachte; ich wage zu behaupten, es wäre wirkungsvoll, wenn es gut gespielt würde“. Es tat mir so furchtbar leid, dass ich völlig aus der Fassung geraten war und ihn gebeten hatte, sich so etwas anzuhören, doch in gewisser Weise war es eine der hilfreichsten Lektionen, die ich je hatte, und ich war noch nie jemandem so dankbar wie ihm für die Rücksichtnahme und das Mitgefühl, das er mir entgegenbrachte.

Diese Tagebuchnotiz bezeugt, wie sehr Ina Boyle um diese Musik gerungen hat, und zwar nicht nur mit der Technik des Cellospielen. Um so bedauerlicher war es, dass das Werk zu ihrer Lebzeit nie aufgeführt wurde.

Klar ist aber,  dass es ihr in dieser Komposition um Tieferes und Innerlicheres ging, dem sie mit dieser ihrer Musik gerecht werden wollte. Mithören dieses Psalms kann persönliche Assoziationen wecken und zu «geistlicher» Musik für jede Zuhörerin und jeden Zuhörer werden: ein Beten ohne Worte in freiheitlichem Sinn.

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:

Psalm

Gedämpfte transzendente Terzenklänge der hohen Geigen leiten diesen Psalm ein.  Dann erhebt sich ein zweimal ansetzender, quasi-rezitativischer Cellogesang, bevor über leisem Trommelwirbel die Begleitung durch das leise aufrauschende Saitenspiel der Harfe dazukommt. Die Cello-Psalmistin (Ina Boyle!) setzt ihren meditativen, zwischen Dur und Moll schwankenden Gesang fort, von der Harfe und dem Orchester unterstützt und getragen. Nach vier deutlichen Harfenarpeggien und dem Gesangsende des Cellospiels schliesst eine abwärts neigende akkordische Holzbläserfigur des Orchesters diesen ersten Abschnitt des Psalms ab.  

Unruhig beginnt das Cello in neuem synkopischem Dreiertakt einen zweiten monotoneren Solo-Abschnitt. Er kulminiert schliesslich in rhythmischen Paukensynkopen und in punktierten Aufwärtsbewegungen von Cello und Holzbläsern sowie erneutem Saitenspiel. Der Psalmabschnitt klingt in einem kurzen Cellosolo und in langen erschöpften Orchesterklängen aus.

Im dritten Abschnitt tritt zuerst eine Solo-Oboe hinzu, von antwortenden Hörnern und einer Klarinette mitunterstützt, danach folgt eine Solo-Flöte und leitet über zu einer neuen Melodie des Cellosolos. Holzbläser, Hörner, Streicher begleiten den Cellogesang und entwickeln ihn gemeinsam weiter. Ein kurzes Horn-Solo beendet diesen Psalmabschnitt.

Der vierte Psalmabschnitt beginnt mit einem gewichtigen Cello-Rezitativ in tiefer Lage, dazu dramatisiert ein heftiges, absteigendes Achtel-Motiv des gesamten Orchesters die Anklage des Cellos, als zöge erlittenes Unrecht empört den Himmel zur Rechenschaft auf die Erde. Nach einer Beschleunigung des Orchestermotivs steigert das Cello seine Empörung - fortissimo und tenuto - bis in die höchste Tonlage und mündet in eine vehemente Solo-Doppelgriffpassage. Nochmals bricht das Orchester in Anklage aus, bevor das Cello sich beruhigt und …

… in einem nächsten Abschnitt eine versöhnende Adagio-Melodie über einer tragenden Bassbegleitung anstimmt. Es klingt wie Ergebung nach deutlich ausgelebtem Widerstand. Die Cello-Melodie enthält Variationen früherer Melodien. Auch das Saitenspiel der Harfe setzt wieder ein, wobei die nochmals auftauchenden absteigenden Achtelmotive und die empörten Doppelgriffe des Cellosolos nicht vergessen lassen, was war. Vielmehr werden diese im Ganzen der verschiedenen, wie im ganzen Psalm immer wieder zwischen Dur und Moll schwankenden Klänge des Orchesters aufgehoben. Der Psalm schliesst mit einem aufschauenden Cello-Solo und dem treu begleitenden Saitenspiel der Harfe.

Hinweis für Musikinteressierte

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