Isabella Leonarda: Mottetto per due voci con due violini e organo, aus Opus 7, Bologna 1677

Isabella Leonarda 
Isabella Calegari (bürgerlicher Name)
getauft 6. Sept. 1620 in Novara, Italien
gestorben 25. Febr. 1704 in Novara

Publikation
in: Mottetti op. 7, Bologna 1677

CD-Aufnahme:
2020: Capella Artemisia, Leitung: Candace Smith

Über 200 veröffentlichte Werke sind von der Ursulinen-Klosterfrau und Barockkomponistin aus Novara, Isabella Leonarda, erhalten. Für die Musikwissenschaft gehört Isabella Leonarda  zum Höhepunkt der ersten von Italien ausgehenden Blüte kompositorischen Schaffens von Frauen. Ihr vor allem geistliches Werk wird aber – im Gegensatz zu vielen männlichen Komponisten – noch kaum genügend als geistliches Zeugnis wertgeschätzt, obwohl sie einige religiöse Texte sogar selbst geschrieben und dann auch vertont hat.

Noch 1591 war Nonnen in einer Order des Generalvikariats von Novara verboten worden, jegliche Art von Musikinstrumenten - ausser dem Clavichord oder der Violone da gamba (als Bassbegleitung) - zu spielen und keine Gesänge, Madrigale oder Motetten säkularen und weltlichen Inhalts zu singen. So streng die Klerikerkirche die Klausur der Frauenklöster durchsetzen wollte, so sehr konnten sich aber die in der Bildung tätigen Urselininnen diesen Auflagen entziehen. Isabella Leonarda stammte aus adliger Familie und - obwohl sie bereits mit 16 (oder 18?) Jahren ins Kloster eingetreten war - erlernte sie wohl beim dortigen Domkapellmeister Gasparo Casati früh die Grundkenntnisse der Musik. Neben ihren im Lauf der Jahre wechselnden Leitungsfunktionen im Kloster komponierte sie – oft des Nachts, wie sie selbst schreibt – sowohl für den Bedarf im Kloster wie auch für ihre Publikationen und sicherlich nicht zuletzt auch für die Unterhaltung ihrer musikalischen Mitschwestern.

Die Motette „O dulcis sonare“ stammt aus ihrer Sammlung Opus 7 und ist für drei Stimmen (soprano, contralto, basso), zwei Violinen und Organo geschrieben, wobei die Bassstimme wahrscheinlich im Kloster von einer Frauenstimme - eine Oktave höher transponiert - gesungen wurde.  Wie es in dieser Motette deutlich zum Ausdruck kommt, war für Isabella Leonarda Gesang, tänzerische Bewegung (wie in ihren häufigen Allelujas zu spüren) und Instrumentalmusik ein wohl höherer Akt der Gottes-Verehrung als aller Gehorsam gegenüber kirchlichen Geboten.  

Hier zu hören! (ca. 8 Min.)


Hörbegleiter:

Beschwingt feiern die drei Sängerinnen zum Auftakt ihre Musikbegeisterung im Dreiertakt. Über dem kontinuierlich fortschreitenden Generalbass antworten die beiden Violinen in Terzen mit einem kurzen Ritornell. Konzertierend brillieren dann die Sopran- und Alt-Sängerinnen zum Wort «cantare».

Nach erneutem  instrumentalen Zwischenspiel des Ritornells verweist - melodisch hervortretend - die tiefe-Stimme auf die göttliche   Wohlgefälligkeit der Musik. Die Instrumente, dann der Sopran und der Alt stimmen zu.

Zum Schluss dieses ersten Abschnitts wird das Sonare-Motiv des Anfangs «o dulce sonare» wiederholt.

Neubeginnend rufen die tiefe Stimme und der Basso continuo mit ihrem Tacete-Cessate-Motiv, das sich an das Sonare-Motiv anlehnt, zu einem kosmischen Stille-Werden auf.

Die übrigen Stimmen übernehmen insistierend den Tacete-Cessate-Aufruf, selbst die Instrumente sind mit schönen Echo-Wirkungen mit dabei, aber es dauert lange, bis der Aufruf zum Schweigen endlich ankommt.

Nach eingetretener Stille beschleunigen Sopran und Alt in einem neuen Abschnitt das Tempo und wechseln in einen 4-Viertel-Takt, um mit lebendigem Geist in die Musik und den geistlichen Gesang einzustimmen. Auch die Bassstimme folgt, um mit angemessener Musik den Bereich des Göttlichen innerlich zu begrüssen. Von den virtuos aufspielenden Violinen begleitet bitten sie zu Dritt singend um einen aufrichtigen Geist.

Dieser erbetene Geist scheint sich in einem kurzen meditativen, polyphonen und wunderschönen Adagio auch einzustellen.

Neu begeistert drückt sich im gemeinsamen Gesang und in den Instrumenten (erneut allegro!) ein religiös motivierter Lebensmut aus, der negativen Erfahrungen standhalten kann. 


Ein beschwingtes Violinen-Ritornello bereitet dann eine abschliessende Adagio-Schlussmeditation vor: Der gemeinsame Raum von Atem und geistlicher Inspiration verbindet barocken Gesang und religiöse Transzendenzerfahrung.

Mit neuer Energie stürzen sich zum Abschluss Sängerinnen und Instrumente  - miteinander konzertierend - in einen beschwingten, fast etwas ausgelassenen Alleluja-Tanz. Auch das ist Religion!

O dulce sonare, suave cantare






Si note devote sunt Domino care.








Tacete, cessate, o venti importuni,

O aure ingrate, tacete, cessate.

In muto silentio, in dulce quiete

Cessate o venti, o aure tacete.

Date vivacem spiritum,

Ut possit Deum meum
Cum armonica voce salutare.

Sublevate meam mentem




Ut possim Iesum meum in altari elevatum humili cum puro obsequio adorare.

Dulcis Iesu vera quies
In te solum quando vivo, In te solum quando vivo Mundo afflicta me conforto, 
Et me consolo.

Solo in te mi Iesu care si suspiro

Possim semper respirare.


Alleluia.

Oh, schöner Klang, oh schöner Gesang,






Wenn deren passende Töne dem Herrn lieb sind.








Schweigt, haltet ein, ihr aufdringlichen Winde,

Ihr undankbaren Lüfte, schweigt, haltet ein.

In stiller Ruhe, in süßer Stille,

Haltet ein, o Winde, o Lüfte, schweigt.

Schenkt mir einen lebendigen Geist,
Damit mein Gott
mit harmonischer Stimme gepriesen werde.

Erhebe meinen Geist, 





damit ich meinen Jesus,
der zum Kreuzes-Altar erhoben ist, mit reiner Hingabe verehren kann.

Süsser Jesus, wahre Ruhe finde ich allein in dir, wenn ich lebe in dir.
Nur wenn ich lebe in dir, finde ich in dieser geplagten Welt Kraft und Trost.

Allein in Dir, mein lieber Jesus, wenn ich seufze,

darf ich immer atmen.



Halleluja.

Hinweis für Musikinteressierte


Website: Unbekannte Violinkonzerte