Johann Rosenmüller: Geistliches Konzert «Beatus vir» (Psalm 111) E 102, um (1650-80)

Johann Rosenmüller
geboren um 1619 in Oelsnitz, Vogtland, Deutschland
gestorben 12. Sept. 1684 in Wolfenbüttel, Deutschland

Komposition:
entstanden zwischen 1650-80 in Venedig

Aufnahme:
1991 durch Cantus Cölln, Leitung Konrad Junghänel

 

 

 

 

 

 

Johann Rosenmüller galt schon im 19. Jahrhundert als einer der bedeutendsten Komponisten in der Zeit zwischen Schütz und Bach. Aber er bleibt bis heute ein Komponist ohne Biografie. Was man von ihm weiss, ist zweifelhaft, ebenso sein Ruf. Als aufstrebender Komponist wurde er vielseitig gefördert, konnte nach Venedig reisen und brachte den modernen italienischen Kompositionsstil nach Leipzig. 1655 aber wurde diese Karriere brüsk unterbrochen. Rosenmüller war - wie es in einem zeitgenössischen Dokument heisst – «wegen sodomitischen Knabenschänderei” mit Thomasschülern verdächtig. Der Fall scheint somit klar: Johann Rosenmüller hatte homoerotische Beziehungen und wurde verdächtigt, seine (zwar nicht unbedingt minderjährigen) Schüler sexuell missbraucht zu haben. Er musste fliehen und landete wieder in Venedig, wo er als Posaunist in St. Markus und auch am Ospedale della Pietà tätig war. Wahrscheinlich stand er aber auch ständig im Kontakt mit der damaligen deutschen Musikszene. In Venedig entstand sein reiches und hochstehendes kompositorisches Werk, das er wohl zum grössten Teil für Interessenten in Deutschland oder für Liturgien komponierte.  1682 wurde Johann Rosenmüller (bzw. Giovanni Rosenmiller, wie er sich in Venedig nannte) von  Herzog Anton Ulrich von Braunschweig und Lüneburg als Hofkapellmeister nach Wolfenbüttel berufen, wo auch Geistesgrössen wie Leibniz und Stefani wirkten. Zwei Jahre später starb Rosenmüller in Wolfenbüttel.  

Kunst und Leben, wie hängen sie zusammen, könnte man auch im Fall Rosenmüllers fragen, ohne eine eindeutige Antwort zu bekommen. Im Sacro Concerto «Beatus vir» E 102 jedenfall, zu Psalm 112 (Zählung der Vulgata: 111),  wird ein überzeugendes musikalisches Bild gezeigt, wie ein auf Gottesfurcht gründendes Leben aussehen kann. Jeden Sonntag wird dieser alte Psalm, der aus der hebräischen Weisheitstradition stammt und dessen Verse im Original kunstvoll mit einem je anderen Buchstaben des hebräischen Alphabeths beginnen, im kirchlichen Vespergottesdienst gesungen. Wie Rosenmüller in seiner Komposition alte Topoi der Wortvertonung mit eleganter Melodiosität kombiniert, macht neben vielen schönen Details den Reiz dieses geistlichen Konzerts aus. Die Musikwissenschaft weist darauf hin, dass man im formalen  Aufbau des Werkes auch die Elemente der alten klassischen Rhetoriklehre wiederfinden kann: Exordium (Einleitung), Narratio, Propositio, Argumentatio und Conclusio. Beatus vir ist geschrieben für Cantus, Alt, Tenor, Bass, zwei Violinen (Cornetti), zwei Violen (Tromboni) und Basso Continuo geschrieben.

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:

Nach Art einer venezianischen Opern-Symphonie beginnt die Entrada des fünfstimmigen Instrumentalensembles (die Streicher werden durch 2 Cornetti und 2 Tromboni zusätzlich verstärkt ). Ein Repetitionsmotiv fällt sogleich auf. Dreimal fällt das Vokal-Ensemble mit seinen akkordischen "Beatus vir"-Einwür-fen dazwischen. Dann singt der Cantus (die Oberstimme) melodisch breit ausholend den ersten Vers. Das Repeti-tionsmotiv erscheint im Anschluss zum Text «in mandatis ejus» («an seinen Geboten») und drückt die Freude des moralischen Subjekts aus, das sich in Wahrhaftigkeit und Gott gegründet fühlt. Nochmals folgen bestätigend die Einwürfe «Beatus vir». Der Altus wiederholt den Anfangsvers und die Melodie des Cantus. Am Schluss des rhetorischen Eröffnungsteils, dem Exordium, wie die klassische Rhetorik lehrt, bleibt das Repetitionsmotiv und die Freude.

In der Narratio wird nun zuerst erzählt, was die Folgen von Gottesfurcht und gelebter Selbstbestimmung sind: Macht, Ehre, Reichtum und Gerechtigkeit, alles sicherlich gern gehört an den Fürstenhöfen der Barockzeit.

Ein Schlachtruf-Motiv zu «potens» wird zwischen Orchester und den Stimmen (ein Bass-Solo, dann ein Tenor/Bass-Duett) selbstbewusst aufgeteilt und rhythmisch an alle zukünftigen Generationen weitergereicht.

Auch das im stilo concitato eingeführte neue Motiv auf «gloria» alterniert zwischen Instrumenten und Vokalensemble. Ein Fugato der Stimmen führt dann von den «divites» (Reichtümern) zu einem breiten und von oben abwärts führendem Motiv auf «et iustitia», womit diese bleibende (manet!) Grundverteilungsprinzip zum Abschluss dieses Teils deutlich hervorgehoben wird.

Wie ein kleines Concerto grosso mit zwei Soloviolinen als Concertino schiebt sich ein Instrumentenspiel dazwischen, bevor dann in ebenfalls konzertantem Stil der Bass vom Aufstrahlen eines Lichts singt. In sich folgenden kühnen Harmonieblöcken stellt das gesamte Ensemble die unterschiedlichen, Barmherzigkeit ausstrahlenden Eigenschaften des Gerechten dar.

Ein Ritornell der Instrumente im 3/2tel Takt leitet einen ariosen Teil ein, rhetorisch die Propositio. Der Tenor besingt in seinem ariosen Solo den iucundus homo und hebt abschliessend hervor, dass er bei gerechtem Handeln in Ewigkeit nicht ins Wanken gerät: deutlich wird das bei der Schlussfigur «non commovebitur»: die langen Notenwerte des Tenors verharren auf gleicher Tonhöhe).

Nachdem die Instrumente ihr Ritornell wiederholt haben, folgt der Cantus mit seinem ariosen Solo. Ewiges («aeterna» wird hervorgehoben) Gedenken des Gerechten wird versprochen. Auch die Furchtlosigkeit «non timebit» wird zweimal gesanglich bewegt herausgestellt.

Nach dem erneuten Ritornell folgt ein arioses Tenor/Bass-Duett. Gleich zu Beginn hört man die Entschlossenheit der beiden beim mehrmals wiederholten, deutlich artikulierten «paratum». Bei «confirmatum» und bei «non conmovebitur» verharrt der Tenor trotz seiner Feinde wieder vertrauensvoll auf gleicher Tonhöhe.

Nach dem nochmals kurz eingeschobenen Ritornell der Instrumente singen Cantus und Alt ihr Duett. Hervorgehoben wird durch Koloraturen das grosszügige Verteilen («dispersit») an die Armen und die ewig andauernde Gerechtigkeit. Die daraus folgende Ehre («gloria») ist eine leise, das Duett endet denn auch im piano.

Ein Adagio-Ripieno stellt wohl den neidischen Blick des auf Bosheit sinnenden Konkurrenten dar. Im stile concitato wird gleich anschliessend – doppelchörig zwischen Instrumenten und Stimmen - das Zürnen und Zähneknirschen des Neiders musikalisch umgesetzt. Man hört, wie dessen lechzend schleifendes Disiderium, Böses zu tun (ein gedehnter Sept-Vorhalt bei «pecca-to-rem»), letztlich einfach ins Nichts zerfällt (am Schluss ein abbröckelndes «peribit»!)

Die Liturgie setzt diesem wie jedem Psalm bei jedem Vespergottesdienst ein «Gloria patri» als musikalische Argumentatio hinzu.  Schliesslich «leben, weben und sind» die an der Liturgie Teilnehmenden in ihm, dem Unnennbaren. So erzählt es Lukas bei der Areopag-Rede des Paulus in der Apostelgeschichte. So fluktuieren unscharf die Elementarteilchen, aus denen wir bestehen, nach Auskunft der Quantenphysik. Etwas von diesen Einsichten verkörpert auch auf einmalige fluktuierende Art dieses musikalische Schlussgebet von Johann Rosenmüller.

Zwei Geigen, dann zwei Soprane weben im Raum, Echo auslösend, gross, weit und geheimnisvoll.

Als Conclusio wiederholt Rosenmüller musikalisch nochmals den Anfang und die Einleitung dieses geistlichen Konzerts mit dem Repetitionsmotiv. Eine nicht unübliche Praxis damaliger Komponisten, die damit ausdrücken, dass es um das Gleiche geht, um das es schon am Anfang ging.

Beatus vir, qui timet Dominum,
in mandatis ejus volet nimis. 




















 
 








Potens in terra erit semen ejus, generatio rectorum benedicetur.


 

Gloria et divitiae in domo ejus, et iustitia ejus manet in saeculum saeculi.







Exortum est in tenebris lumen rectis, misericors et miserator et iustus.







Iucundus homo, qui miseretur et commodat, disponet res suas in judicio,
quia in aeternum non commovebitur.







In memoria aeterna erit iustus, ab auditione mala non timebit.






Paratum cor ejus, sperare in Domino,
confirmatum est cor eius, non commovebitur, donec despiciat inimicos suos.





Dispersit, dedit pauperibus; justitia ejus manet in saeculum saeculi, cornu ejus exaltabitur in gloria.





Peccator videbit et irascetur, dentibus suis fremet et tabescet. Desiderium peccatorum peribit.

























Gloria patri et filio et spiritui sancto

sicut erat in principio et nunc et semper in saecula saeculorum. Amen.

Selig der Mann, der den HERRN fürchtet
und sich herzlich freut an seinen Geboten. 



























Seine Nachkommen werden mächtig im Land, das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet. 



Ehre und Reichtum füllen sein Haus, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.







Im Finstern erstrahlt er als Licht den Redlichen: Gnädig und barmherzig ist der Gerechte. 







Glücklich ein Mann, der gnädig ist und leiht ohne Zinsen, der nach dem Recht das Seine ordnet.
Niemals gerät er ins Wanken;







Ewig denkt man an den Gerechten.
Er fürchtet sich nicht vor böser Kunde,





sein Herz ist fest, auf den HERRN vertraut er. 
Sein Herz ist getrost, er fürchtet sich nicht, er wird herabschauen auf seine Feinde.





Reichlich gibt er den Armen, / seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer, seine Autorität steht hoch in Ehren. 





Der Frevler sieht es voll Unmut, / er wird mit den Zähnen knirschen und vergehen. Die Wünsche der Frevler werden zunichte. 
























Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist,

wie es war im Anfang, so auch jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Hinweis für Musikinteressierte


Website: Unbekannte Violinkonzerte

Kontakt:


tonibernet@gmx.ch