Ferruccio Busoni: Benedictus aus der Missa Solemnis, op 123, von L. van Beethoven, für Violine und Orchester bearbeitet (1916)

Ferruccio Busoni
geboren 1. April 1866 in Empoli bei Florenz, Italien
gestorben 27. Juli 1924 in Berlin, Deutschland

Herausgegeben:
1916 bei Breitkopf & Härtel

CD-Aufnahme:
2013 durch Tanja Becker-Bender

 

 

Darf ein anerkanntes Meisterwerk der Musikgeschichte bearbeitet werden. Verliert das Benedictus der Missa solemnis von Beethoven seinen geistlichen Gehalt, wenn es zu einem Konzertstück für Geige und Orchester bearbeitet wird und sein Text weggelassen wird?

Das Benedictus von Ferruccio Busoni  (erschienen 1916, rund 100 Jahre nach Beethovens Komposition) stellt diese Frage.

Für Busoni waren Bearbeitungen kein Verlust, im Gegenteil, sie bewahrten den Grundgehalt eines bestimmten Musikstücks, weil der Geist eines Musikstücks eh von keiner jeweils zeitbedingten konkreten Form und Notation ganz in ihrem Geist erfasst werden kann.

«Der Geist eines Kunstwerkes, das Maß der Empfindung, das Menschliche, das in ihm ist – sie bleiben durch wechselnde Zeiten unverändert an Wert; die Form, die diese drei aufnahm, die Mittel, die sie ausdrückten, und der Geschmack, den die Epoche ihres Entstehens über sie ausgoss, sie sind vergänglich und rasch alternd.» (Ferruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst», s. 4

Was kann das im konkreten Fall für das Benedictus von Busoni bedeuten?

In Beethovens Partitur des Benedictus bekommt der Messgesang einen gesteigert feierlichen, sphärischen Moment, wenn wie ein Lichtstrahl von oben im Benedictus die Solovioline,  zusammen mit der Flöte, ihren Auftritt hat. Im Messritual findet parallel zur Musik die sogenannte Wandlung statt, der intensive Höhepunkt vergangener Messefrömmigkeit.
Busoni will diesen Geist der Musik, übrigens ganz im Geiste Beethovens, über die konkrete Liturgie hinaus für die weltlich-religiöse Erfahrung des Menschen retten. Darum lässt er allen Text und den Chorgesang weg und konzentriert sich ganz auf die religiöse Innerlichkeit des Einzelmenschen. Die Gesangslinien des Chors werden durch die sanfter wirkenden Streicherstimmen ersetzt, die Solovioline, diese Stimme ohne Worte, und deren pastoraler Triolenglanz tritt in den Vordergrund, ansonsten übernimmt Busoni Beethovens Instrumentierung. An einer Stelle gegen Schluss nimmt Busoni eine umfangreiche Kürzung vor. Auch der Hosianna-Teil, der aufs Sanctus zurückverweist, fällt logischerweise weg.

Der Geist dieses Benedictus bekommt ausserhalb der Missa solemnis etwas Persönliches, Privates. Es richtet sich nicht mehr wie bei Beethoven ans Allgemein-Menschliche, sondern ans Persönliche, an das, was einem unmittelbar berührt. Sie wird zur inneren Stimme des religiösen Anrufs. Das Stück bezeugt die Überzeugung Busonis, dass Transkription zu einer Art Neukomposition wird. Damit wird auf eine andere Weise ein neuer Lichtstrahl auf den letztlich nie ganz auszuleuchtenden Geist der Musik gerichtet, der in diesem Werk steckt.

Busonis Transkriptionen erregten immer wieder Opposition. Dazu bemerkte Busoni lakonisch: «Das Original bleibt doch». Man kann ergänzen: Wer also Gelegenheit hat, eine Missa solemnis-Aufführung zu hören, gehe hin und höre erst recht auch das Original.

Sich mit diesem Benedictus von Busoni/Beethoven und dem Original auseinanderzusetzen, ist gerade in einer Zeit aktuell, wo sich in den europäisch-westlichen Ländern eine epochale Veränderung von Religiosität vollzieht. Diese Veränderung wird je nach Perspektive sowohl als Verfall, als Säkularisierungsprozess oder als Transformation religiöser Vorstellungswelten  und religiöser Institutionen verstanden. Für den Transformationsprozess i ist einerseits der traditionelle Gehalt des jeweiligen historischen Kontextes zu beachten. Andererseits ist die Vergänglichkeit vorläufiger Denkmuster und institutioneller Organisationsformen zu konstatieren und für neue kreative Lösungen Platz zu schaffen. Wie die Kunst, muss auch die Religion neue Wege gehen, und dabei weiterhin das Alte verehren und von ihm zu lernen. Das Benedictus von Busoni und Beethoven kann mit Recht verschiedene Impulse auslösen. Man hört immer wieder Neues, was einen persönlich betreffen kann.

 

Hier zu hören!

 

Hörbegleiter:

Busoni übernimmt von Beethoven das Preludium (Sostenuto ma non troppo), das bei Beethoven innerhalb des Sanctus vom Osanna zum Benedictus überleitet, und macht es zum  Vorspiel seiner Bearbeitung. Das Orchester (tiefe Holzbläser und Streicher) spielt wie eine Orgel, die leise beginnt, dunkel, wartend, geheimnisvoll. Die dunkle, kunstvolle Komposition über einem chromatisch abfallenden Bass klingt schliesslich in langen ungewohnten Harmoniefolgen aus: eine harmonisch spannungsvolle Vorbereitung auf das, was kommen wird. Advent sozusagen.

In diese dunkle Welt leuchtet unerwartet ein heller, sphärischer Mischklang einer Solovioline und einer Flöte. Von oben kommend lösen sich Flöte und Sologeige voneinander. Die Sologeige tritt hervor und führt in spielerischen Triolen synkopiernd in diatonischen Skalen nach unten und wieder hoch zu einer einmalig schönen Zwölf-Achtel-Pastoral-Melodie, die das Ankommen von etwas Neuem zu versprechen scheint. Es braucht keine Worte, die Hirten-Melodie der Geige hat ihre eigene Stimme.

Eine rezitativische, rhythmische Begleitung im Orchester macht sich zusätzlich bemerkbar. Die Holzbläser aber erkennen die pastorale Stimmung, übernehmen die Melodie und lassen der Sologeige neue Freiheiten für ihre leuchtend-funkelnden Skalen und Improvisationen, die auf einen ersten Endpunkt des Solo-Einsatzes der Geige hinzielen.

Jetzt übernimmt der leise Chor der Streichinstru-mente die pastorale Melodie. Als die Holzbläser die Melodie weiterführen, setzt auch die Sologeige wieder ein und begleitet nun in freier virtuoser Bewegung die pastorale Grundmelodie der Bläser und der chorischen Orchesterstreicher.

Als sich im Orchester der rezitativische Begleitrhythmus wieder bemerkbar macht und die Geige in virtuosen Läufen aufsteigt - und wieder abstürzt, beruhigt sich die Erregung wieder. Die Solovioline spielt dazu beruhigende Dreierfiguren und schwebt wie ein Geist über den Wassern.

Dennoch meldet sich der rezitativische Rhythmus im Orchester erneut wieder und will sich – kurz nach C-Dur wechselnd - gegen die pastorale Melodie durchsetzen. In zweimaligem Anlauf und nach Geigenskalen über mehrere Oktaven kommt es zu einem Fermaten-Höhepunkt, der von einer Oboe ausgesungen wird.

Nach diesem Höhepunkt überspringt Busoni Beethovens Originalpartitur mit einem eingeschobenen Osianna-Teil und springt direkt zum pastoralen Schluss des Violinsolos weiter. Wieder folgt Busoni getreu Beethovens Benedictus-Schluss und doch stellt er damit die eigene Botschaft dieses Beethovenschen Violinsolos heraus, das er als religiöse Stimme ohne Worte neu beleuchtet hat.  

Hinweis für Musikinteressierte

Website: Unbekannte Violinkonzerte

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