Busoni übernimmt von Beethoven das Preludium (Sostenuto ma non troppo), das bei Beethoven innerhalb des Sanctus vom Osanna zum Benedictus überleitet, und macht es zum Vorspiel seiner Bearbeitung. Das Orchester (tiefe Holzbläser und Streicher) spielt wie eine Orgel, die leise beginnt, dunkel, wartend, geheimnisvoll. Die dunkle, kunstvolle Komposition über einem chromatisch abfallenden Bass klingt schliesslich in langen ungewohnten Harmoniefolgen aus: eine harmonisch spannungsvolle Vorbereitung auf das, was kommen wird. Advent sozusagen.
In diese dunkle Welt leuchtet unerwartet ein heller, sphärischer Mischklang einer Solovioline und einer Flöte. Von oben kommend lösen sich Flöte und Sologeige voneinander. Die Sologeige tritt hervor und führt in spielerischen Triolen synkopiernd in diatonischen Skalen nach unten und wieder hoch zu einer einmalig schönen Zwölf-Achtel-Pastoral-Melodie, die das Ankommen von etwas Neuem zu versprechen scheint. Es braucht keine Worte, die Hirten-Melodie der Geige hat ihre eigene Stimme.
Eine rezitativische, rhythmische Begleitung im Orchester macht sich zusätzlich bemerkbar. Die Holzbläser aber erkennen die pastorale Stimmung, übernehmen die Melodie und lassen der Sologeige neue Freiheiten für ihre leuchtend-funkelnden Skalen und Improvisationen, die auf einen ersten Endpunkt des Solo-Einsatzes der Geige hinzielen.
Jetzt übernimmt der leise Chor der Streichinstru-mente die pastorale Melodie. Als die Holzbläser die Melodie weiterführen, setzt auch die Sologeige wieder ein und begleitet nun in freier virtuoser Bewegung die pastorale Grundmelodie der Bläser und der chorischen Orchesterstreicher.
Als sich im Orchester der rezitativische Begleitrhythmus wieder bemerkbar macht und die Geige in virtuosen Läufen aufsteigt - und wieder abstürzt, beruhigt sich die Erregung wieder. Die Solovioline spielt dazu beruhigende Dreierfiguren und schwebt wie ein Geist über den Wassern.
Dennoch meldet sich der rezitativische Rhythmus im Orchester erneut wieder und will sich – kurz nach C-Dur wechselnd - gegen die pastorale Melodie durchsetzen. In zweimaligem Anlauf und nach Geigenskalen über mehrere Oktaven kommt es zu einem Fermaten-Höhepunkt, der von einer Oboe ausgesungen wird.
Nach diesem Höhepunkt überspringt Busoni Beethovens Originalpartitur mit einem eingeschobenen Osianna-Teil und springt direkt zum pastoralen Schluss des Violinsolos weiter. Wieder folgt Busoni getreu Beethovens Benedictus-Schluss und doch stellt er damit die eigene Botschaft dieses Beethovenschen Violinsolos heraus, das er als religiöse Stimme ohne Worte neu beleuchtet hat.