Johann David Heinichen: Magnificat A-Dur S. 90 (1729)
Johann David Heinichen
geboren 17. April (iul.)/27.April 1683 (greg.) in Krössuln
gestorben 16. Juli 1729 in Dresden
Uraufführung:
1729
CD-Aufnahme:
1996 Rheinische Kantorei unter Hermann Max
Die schwangere Maria zu Besuch bei ihrer Cousine Elisabeth, so der Kontext, den Lukas zu Beginn seines Evangeliums seinem Lied der Maria (in der lateinisch-kirchlichen Tradition «Magnificat» genannt) zuordnet. Dieses griechisch verfasste Lied ist aus verschiedenen Zitaten aus der sogenannten Septuaginta zusammengestellt, einer griechischen Übersetzung der biblischen Schriften aus dem hellenistischen Judentum, mehrheitlich in Alexandria zwischen 250 bis 100 v. Chr. entstanden. Lukas macht daraus ein neues Lied, das bereits auf wesentliche Züge der Philosophie Jesu hinweist, mit einem speziellen Akzent auf Jesu Gottes-Verständnis, das im Einsatz für die Unterdrückten und im Ernstnehmen der Grösse jedes Menschen göttlichen Willen entdeckt.
Das Magnificat wird in der kirchlichen Gebetstradition am Schluss jeder Vesper, dem Abendgebet der Kirche, gebetet. Weil die Vesper immer wieder feierlich mit Musik und Gesang gefeiert wurde, entstanden in der Geschichte der sakralen Musik viele Vertonungen dieses Marienliedes. Am bekanntesten wurden etwa Vivaldis oder Bachs Vertonungen, die bis zu einer halben Stunde dauern.
Hier möchte ich auf eine vergessen gegangene Vertonungen des Magnificat von Johann David Heinichen hinweisen. Auch bei Heinichen wurde dieses Magnificat wohl gegen Schluss von feierlichen Vespergottesdiensten in der Hofkirche von Dresden aufgeführt. Und weil die für Dresden komponierten geistlichen Werke später nicht veröffentlicht und gedruckt, sondern eigens für den Hof von Dresden privat bestimmt waren, sind diese Werke bis Ende des 20. Jahrhunderts kaum mehr aufgeführt worden.
Heinichen war zuerst mehr Opernkomponist, studierte in Venedig italienische Musik und hatte dort seine ersten Erfolge. Aufgrund seiner venezianischen Bekanntheit wurde er an den musikliebenden Hof von Dresden gerufen. Doch als August der Starke dann die Oper auflöste, wurde Heinichen beauftragt, ab 1720 neu die Zuständigkeit für die Kirchenmusik in der katholischen Hofkirche zu übernehmen. Obwohl Heinichen fast gleichzeitig in Dresden komponierte wie Johann Sebastian Bach in Leipzig, unterscheidet sich der italienisch galantere Stil seiner Musik stark von Bach, ja ist sozusagen moderner, obwohl Heinichen genau so ein Generalbass-Gelehrter war wie Bach. Von Heinichen gibt es aus seinen späten Jahren, in denen sein umfangreiches Werk an geistlicher Musik (12 Messen, viele Psalmen, 1 Passionsoratorium, 8 Magnificats und vieles andere) entstand, auch eine Generalbass-Lehre. «Der General-Bass in der Composition» (Dresden 1728) gilt als eine der wichtigsten musiktheoretischen Schriften des 18. Jahrhunderts. Das Magnifikat in A-Dur besticht durch seine Kürze, die Aufteilung in einzelne Musiknummern und durch den abwechslungsreichen Kontrast der verschiedenen Affekte der Vertonung der biblischen Aussagen. Das Magnificat in A-Dur gilt als eines der letzten Werke von Heinichen, der 1729 wohl an Tuberkulose (Schwindsucht) verstarb.
Hier zu hören! (ca. 12 ½ Min.)