Ernest Bloch: Nigun, aus Suite "Baal Shem", für Violine und Klavier (1923)
Ernest Bloch
geboren 24. Juli 1880 in Genf (Schweiz)
gestorben 15. Juli 1959 in Portland, Oregon (USA)
Uraufführung:
6. Februar 1924 durch den Geiger André de Ribaupierre in Cleveland (Ohi0)
Aufnahmen (unter vielen andern)
1972 Jascha Heifetz
1990 Ivry Gitlis
2006 Vadim Gluzman
2009 Ida Haendel
Auch wenn geistliche Musik (und europäische Musik überhaupt) stark vom europäischen Christentum geprägt sind, haben auch verschiedene jüdische Traditionen hervorragende Kompositionen geistlichen Gehalts beeinflusst.
Zu welch glühender Ausdruckskraft das in musikalischer Sprache führen kann, hat der Schweizer und jüdisch erzogene Ernest Bloch in seiner Komposition namens «Nigun» 1923 vorgelegt. Dabei stützt er sich auf die chassidische Gesangstradition und verweist eindrücklich auf diese Art von ekstatisch engagierter Religiosität. Nigun bezeichnet eine improvisierte Melodie mit sich wiederholenden Klängen. Sie ist eine chassidische Gesangsweise, welche keine Worte, bloss Vokale wie lay lay lay… ay ay ay usw. gebracht, um die unfassbare Anwesenheit des Namens dessen, der uns unbedingt angeht, auszudrücken.
Zu seinen Kompositionen mit jüdischen Themen schrieb Ernest Bloch selbst:
"Es ist weder meine Absicht noch mein Wunsch, eine Rekonstruktion jüdischer Musik zu versuchen oder mein Werk auf mehr oder weniger authentische Melodien zu stützen; für mich ist es wichtig, gute und aufrichtige Musik zu schreiben. Was mich interessiert, ist die jüdische Seele, die rätselhafte, leidenschaftliche, unruhige Seele, die ich in der ganzen Bibel schwingen spüre; all das versuche ich in mir selbst zu hören und in meine Musik zu übertragen, die ehrwürdige Emotion des Volkes, die tief in unseren Seelen schlummert."
Nigun ist der mittlere Teil einer dreiteiligen Suite für Geige und Klavier (später von Ernest Bloch selbst auch orchestriert), die er «Baal Shem» nannte. Er bezieht sich mit diesem Titel auf den chassidischen Heiler und Rabbi Israel ben Elieser, genannt Baʿal Schem Tov (בעל שם טוב)‚’Besitzer des guten Namens‘, volkstümlich abgekürzt BeSchT), geboren 1700, gestorben 1760 in Podolien, Polen-Litauen. Ein pan-en-theistisches Weltbild prägte sein optimistisches Menschenverständnis. Trotz grosser Gelehrsamkeit bekannte er: «Alles, was ich erreicht habe, habe ich nicht durch Studieren erreicht, sondern durch das Gebet.»
Nigun kann demzufolge als stummes, von der chassidisch- jüdischen Tradition inspiriertes Gebet verstanden und mitgehört werden. Bloch hat Nigun zudem ganz persönlich im Andenken an seine Mutter komponiert.
Hier zu hören! (6’40 Min.)
Hörbegleiter:
Die Klavierbegleitung von Nigun beginnt mit einem punktierten Auftakt-Motiv, das im Verlauf der Komposition immer wieder auftaucht. G-moll klingt an. Über den tremolierenden Klavierbass erhebt die Geige dann klagend («lamentoso») ihre modal geprägte, von jüdischen Gesängen inspirierte Melodie. Die Geige ist nicht zufällig als Hauptinstrument gewählt, imitiert sie doch bestens die menschliche Stimme des chassidischen Vorsängers und schwankt zwischen Klage, Freude und Gebet.
In Triolen bewegt sich die Melodie zuerst fest gegründet auf tiefen Noten und strebt dann langsam aufwärts. Mittels heftigen Rhythmuswechseln und Unterbrechungen erreicht sie höhere Regionen. Sich steigernde Doppelgriffe führen auf einen ersten melodischen Höhepunkt hin, der mit dem Auftakt-Motiv beginnt. Leidenschaftlich singt die Geige ihre Melodie. Sie steigert sich rhapsodisch in freie kadenzierende Improvisationen hinein und zieht die Klavierbegleitung mit in die Melodie hinein. In der Bassbegleitung des Klaviers starten rollende rhythmische Figuren, die als ritualisierte Körperbewegungen (als «Shuckling») des Vorsängers interpretiert werden können.
Darüber wiederholt die Violine in einem neuen Abschnitt ihr ausdrucksstarkes Gebet und ihre Melodie in Form einer Imitation, wodurch ein Echoeffekt entsteht und der Musik mehr Tiefe verleiht. Das Auftakt-Motiv im Klavier fordert die Geige erneut heraus, sich in freie geigerische Figurationen aufwärts zu bewegen und sich in höchster Lage über ekstatischen Glissandi des Klaviers frei zu spielen.
Eine kadenzierende Überleitung der Geige führt dann zum Mittelteil von Nigun. Etwas schneller im Tempo verfällt der imaginierte Vorsänger in eine Art rezitativische Wortlaut-Melodie, von der Geige imitatorisch und rhythmisch stockend vorgetragen.
In einer langausholenden, suchenden Aufwärtsbewegung steigert sich der Vorsänger in höchste Stimm-Lage und in neue Ekstase hinein, vom Klavier fortissimo unterstützt. Bald erfolgen trotz Doppelgriffen eine gewissen Erschöpfung und Überforderung der Kraft der Musik. Die Dynamik schwächt sich ab.
Die Geige versucht neuen Boden zu gewinnen. In einer freien Passage, die in der Schwingung zweier Noten kulminiert, findet sie überleitend zurück zum g-moll ihrer Anfangsmelodie. Die Geige spielt ihre Hauptmelodie eine Oktave höher als am Anfang. Wieder sind das Auftaktmotiv und Triolen untergründig zu hören. Dieser letzte Abschnitt ist eine Wiederholung das Anfangs, jedoch mit Passagen, die das Können und die Virtuosität der Violine hervorheben. Analog zum chassidischen Beter, der die Nähe der Transzendenz erfahren hat, kehrt die Geige gestärkt und guten Willens in die Alltagsrealität zurück. Dieser Abschnitt endet besinnlich in einer wie zu Beginn von modaler Harmonik geprägten Coda. Dreimal präsentiert die Geige eine melodische Geste, immer eine Oktave höher und endet ruhig auf einem natürlichen Oberton auf der Note D, gespielt auf der G-Saite der Violine.
Die Art der Gestaltung dieses ganzen Meditations-Prozesses kann von den Musikern bei jeder Aufführung wieder ganz unterschiedlich dargestellt werden. Die grössten Geiger haben sich mit Nigun beschäftigt, mehrmals und in unterschiedlichen Aufnahmen. Verwiesen sei zum Schluss auf vier Interpretationen, hier zu hören:
Jascha Heifetz: geigerisch herausragend
Ivry Gitlis: existentiell
Ida Haendel: verinnerlicht
Vadim Gluzman: expressiv weit ausholend