Dieterich Buxtehude (1637 – 1707): Cantate «Herr, wenn ich nur dich hab» BuxWV 38 (um 1668)

Kopie von Gustaf Düben aus dem Jahr 1680

Dieterich Buxtehude
geboren wahrscheinlich um 1637 in Helsingborg (damals Dänisch, jetzt Schweden)
gestorben 9. Mai 1707 in Lübeck (Deutschland)

Komposition und Quelle:
Diese Kantate Buxtehudes BuxWV 38 findet sich in der Dübensammlung (1680), dürfte aber schon um das Jahr 1668 entstanden sein.

Textquelle: 
Psalm 73, 25-26

Diverse Aufnahmen, u.a.:
1997 Emma Kirkby (Sopran), mit John Holloway u. Manfredo Kraemer (Barockgeigen)
2013 Laura Heimes und Voices of Music, Live-Aufnahme auf Youtube
2018 Margret Bahr und Neues Barockduo Berlin

 

In der Kirche St. Maria zu Lübeck wurden für eine ihrer Abendmusiken aus dem biblischen Psalm 73 nur 2 Verse ausgewählt, die ganz fromm klingen. Der gesellschaftliche Kontext des Psalms 73 aber wird weggelassen, die Schilderung einer gespaltenen Welt der Superreichen und der Armen, der Mächtigen und Ohnmächtigen: «Sie sehen kaum aus den Augen vor Fett, / ihr Herz läuft über vor bösen Plänen. / Sie höhnen und reden Böses, / Unterdrückung reden sie von oben herab. / Sie reissen ihr Maul bis zum Himmel auf / und lassen auf Erden ihrer Zunge freien Lauf. / Darum wendet sich das Volk ihnen zu.»

Der Psalmist aber «dachte nach, um dies zu begreifen». Und kommt erst dann in den beiden ausgewählten Versen zum Schluss, was angesichts der Ohnmacht und dem Zynismus dieser Situation wirklich Sinn stiftet. Diese Zeilen, die eigentlich im damaligen gesellschaftlichen Kontext gelesen werden müssen, bilden den Text dieser Kantate BuxWV 38 von Dietrich Buxtehude

Dieterich Buxtehude organisierte von 1668 bis 1707 die sogenannten Abendmusiken in St. Marien, Lübeck, eine erste Art von Konzertreihe in der Tradition, die er von seinem Amtsvorgänger Franz Tunder übernommen hatte. Dass die gefährlichen Verse von Psalm 73 weggelassen wurden, kann wohl damit zusammenhängen, dass die Abendmusiken von der reichen Kaufmannschaft Lübecks organisiert und bezahlt worden war und der ganze Psalm dort nicht so genehm geklungen hätte.

Immerhin gestaltete Buxtehude diese seine Kantate nicht aufwändig und pompös, sondern wählte nur geringe Mitteln zur kompositorischen Umsetzung: eine Sopranstimme, zwei Geigen und die Orgel (bzw. ein Basso continuo-Ensemble). Faszinierend ist die Chaconne-Struktur:  24 mal (Zufall oder Hinweis auf 24 Stunden, also ganztägig gültig?) wird dieselbe Bassfigur wiederholt, und zwar innerhalb von 73 Takten (zufällig oder zahlensymbolisch auf den ganzen Psalm 73 hinweisend?).  So wird mit den geringsten musikalischen Mitteln ein bedeutsamer Gehalt vermittelt, der auch heute noch aktuell ist, auch in unserem gesellschaftlichen Kontext.

Hier zu hören (ca. 5 Min.):

 

Hörbegleiter:

Musik

Der Basso continuo beginnt auf G, sofort setzt der Sopran eine Oktav höher mit dem Anruf «Herr» ebenfalls auf G ein. Und schon geht der Bass auf Fis abwärts, während der Sopran aufwärts auf A ein zweites Mal rhythmisch versetzt nach dem Herrn ruft. Dieser aufsteigend betenden Bewegung «wenn ich nur dich hab» des Soprans setzt sich die stabile Bass-Chaconne-Melodie G-Fis-E- H-C-D entgegen.

Während die Chaconne-Melodie bereits zum zweiten Mal neu ansetzt, fragt der Sopran «so frag ich nichts, so frag ich nichts nach Himmel und Erden», mit schöner eingängiger Verzierung auf «Himmel».

Als die Bass-Chaconne zum dritten Mal neu ansetzt, imitiert die erste Geige die Sopranmelodie. Die zweite Geige folgt im Kanon eine Quart tiefer. Die beiden Geigen treffen sich schliesslich in rhythmisch gestossenen Figuren.

Dann setzt über dem Chaconne-Bass nochmals mit gleicher Melodie wie am Anfang der Sopran ein, aufwärts wieder bewusst «Dich» und «Himmel» hervorhebend. Dieses Mal begleiten die Geigen mit ihren Figuren den Sopran, der danach eine Quart tiefer auch den Kanon der zweiten Geige wiederholt. Alle drei Stimmen entfalten sich über dem immer wieder verlässlich einsetzenden Bass und verdichten das musikalische Anfangsmaterial, bis hin zu «Erden». 

Von den Geigen allein gelassen singt der Sopran eine neue schmerzliche D-Cis Melodiefigur: «Wenn mir gleich Leib…». Es geht um Existentielles. Die beiden Geigen folgen wie Schatten zuerst mit der gleichen Melodiefigur, verlängern dann aber mit kleineren Motiven, Imitationen und Sechzehntelläufen – immer über der konstant präsenten Chaconne-Melodie - ihre emotionale Aufgewühltheit.

Nach dem sich die Geigen beruhigt haben, kommt der rhetorische Wendepunkt: zweimal singt der Sopran «so bist du doch, Gott, allezeit», mit Taktbetonung auf dem existentiellen «doch», und nicht fundamentalistisch auf «Gott». Dazwischen spielen die beiden Geigen Triolenbewegungen.

Diese Triolenbewegungen übernimmt der Sopran, sozusagen als wiegenden Trost im eigenen Herzen. Die Musik wird in Sopran und Geigen weicher und existentiell zuversichtlicher, während der Ostinato-Bass konstant und «allezeit» da ist.

Diesem Zustand der Zuversicht folgt nun nicht einfach ein weiterer Psalm-Text, sondern eine Antwort des getrösteten Herzens. Der Sopran beginnt mit seinem Alleluja. Die Instrumente übernehmen die Bewegung, und es entsteht ein Dialog unter ihresgleichen. Die Instrumente spielen mit den vokalen Figuren. Was eine persönliche Erfahrung war, wird zu einem gemeinsamen Spiel und einem freudigen Jubel miteinander.

Und immer deutlicher hat sich der Basso ostinato in diese Musik eingegraben. Man spürt den Ostinato fast physisch, man könnte ihn zudem im gesellschaftlichen Kontext des gesamten Psalms 73 als dynamisch präsente Macht dessen hören, der «Gerechtigkeit schafft» (vgl. auch Psalm 103,6 u.a.). Aber erst im letzten Ostinato löst sich die Spannung auf, indem der letzte Ton dieser Chaconne in die Oktave absinkt und die Spannung der ständigen Unabgeschlossenheit zum Ende aufgelöst wird.

Text

Herr, wenn ich nur dich hab, 
so frag ich nichts, so frag ich nichts
nach Himmel und Erden.

























Wenn mir gleich Leib und Seel verschmacht,






so bist du doch, Gott, allezeit
meines Herzens Trost und mein Teil.










Alleluja
Alleluja

Hinweis für Musikinteressierte


Website: Unbekannte Violinkonzerte