Alonso Lobo: Motette "Versa est in luctum" (1598)

Alonso Lobo
getauft 25. Febr. 1555 in Osuna, Spanien
gestorben 5. April 1617 in Sevilla,  Spanien

Uraufführung:
Bei den Totenfeiern Philipps II., des katholischen Königs Spaniens, in Madrid oder Toledo 

Aufnahmen:
1985 Westminster Cathedral Choir, Leitung: David Hill (CD)
2015 The Sixteen, Leitung: Harry Christophers (CD)
2019 Tenebrae, Leitung: Nigel Short (Youtube)
2024 Ensemble La Sportelle, Leitung: Alix Dumon-Debaecker (Youtube)

 

 


Nichts verbindet die Zeiten so stark wie der Tod von Mitmenschen und die Trauer um die entstandene Leere danach. In der Motette «Versa est in luctum» des spanischen Renaissance-Komponisten Alonso Lobo treffen Trauernde aufeinander: Da ist die existenzielle Einsamkeit, Klage und Trauer des Weisheitsdichters des Buches Hiob, woraus der Text dieser Motette stammt (hebräischer Text ca. 4. Jhd. vor unserer Zeitrechnung entstanden). Da ist aber auch die Staatstrauer um den mit seiner Kriegspolitik gescheiterten König Philipp II. von Spanien, für den Lobo in Toledo seine Motette komponierte. Da sind aber auch all die Verstorbenen, für deren Totenmesse die gregorianische Antiphon zum gleichen Text gesungen wurde. Ende des 16. Jhd. gestaltete Alonso Lobo den gleichen Text sechsstimmig für Cantus I+II, Altus, Tenor I+II und Bassus, um mit seiner Komposition den Klangraum einer grossen Kathedrale zu füllen und so die Trauernde musikalisch abzuholen.

Über diese verschiedenen Kontexte hinaus ruft diese Mottete bei aufmerksamem Zuhören zeitlos neu Emotionen hervor, die uns für Trauer und Trost öffnen können. Angesichts der Sterblichkeit unserer Existenz («Nichts sind meine Tage») geht die Motette im zweiten Teil in ein Gebet über. Zugleich füllt diese grossartige Gesangs-Musik von Alonso Lobo Trauer und mögliche existentielle Leere mit polyphon bewegten Klängen aus.

Hier zu hören (ca. 5 Min.)!

Hörbegleiter:

Allein beginnt die Oberstimme des Cantus I zu singen. In ergreifender, langsamer Bewegung abwärts füllt sie den Raum, die Trauer zieht uns gleichsam nach unten.
Aber fast gleichzeitig reagiert der Tenor I mit der Gegenbewegung der gleichen Melodie aufwärts. Sukzessiv kanonisch einsetzend wiederholen Cantus II und Tenor II diesen Antagonismus. Trauerstimmung klingt aus dem Zusammen dieser vier Gegenbe-wegungen. Die im Text erwähnte «cithara» wird gesanglich zu einem Instrument der Klage. Das «mea* wird schmerzlich breit ausgesungen. Die Stimmen kommunizieren in reibenden Dissonanzen miteinander. Über harmonischen Vorbehalten sticht mehrmals die Schönheit der melodiösen Abwärts-bewegung hervor. Der Fluss der Klänge erschöpft sich schliesslich in einer ersten längeren Kadenz, sozusagen um neu Atem zu holen.

Der Tenor II leitet dann einen zweiten musikalischen Abschnitt ein. Mit seiner neu angestimmten Melodielinie «et organum meum» beginnt auch das Organum zu klagen und trauern. Die Polyphonie wird dichter, deutlich hört man das Weinen von vielen Einzelstimmen (bei «vocem flentium»), die Ordnung wird durch Überkreuzungen der Stimmen in Frage gestellt, die Musik wird dramatischer…

… und mitten aus der ganzen polyphonen Raummusik dringt in den einzelnen Stimmen das «Parce» (Verschone!) hervor. Die Klage wird zum Gebet: «Parce mihi Domine». Das «Domine» ist neuartig  hoffnungsvoll harmonisiert. Es bleibt das leere Vertrauen:  «Nihil enim sunt dies mei». Selbst die Musik wird jetzt kleiner, demütiger. Die Klänge enden in einer letzten Kadenz, vertrauensvoll aufschauend und tröstlich.

Versa est in luctum 










cithara mea

 

 

 

 

 

 

 

et organum meum in vocem flentium








Parce mihi, Domine,





nihil enim sunt dies mei.



Zu Trauer geworden










ist meine Harfe,

 

 

 

 

 

 

 

und mein Organum  zur Stimme der Weinenden.







Verschone mich, o Herr, 




denn nichts sind meine Tage.


Hinweis für Musikinteressierte

Website: Unbekannte Violinkonzerte